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So kommt der Autor gut hinauf: Karl Kraus, der von 1874 bis 1936 in Österreich lebte und an seiner Zeit so sehr litt, dass er seinen Schmerz darüber als gallenbrandgetränktes Heftpflaster auf deren Wunden legte, damit es sich in sie hineinfressen und sie “zur Kenntlichkeit entstellen” konnte. Dies Heftpflaster verabreichte er in Form seiner in EInmann-Publiktion herausgebrachten Zeitschrift “Die Fackel”. Und als Generalabrechnungswundverband in Form seines Gebirgsmonsterdramas “Die letzten Tage der Menschheit”.
Stadelmaier, Gerhard, Servus, Apokalypserl, küss’ die Hand, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 175 vom 31. Juli 2014, S. 12.
Womöglich war dies eine Urerfahrung des Schauspielerwesens Gert Voss. Denn immer, wenn er die Bühne betrat, war es, als breche er auf, als steche er in See und ringe in toller Lust, hohem Schmerz und bittergroßem Witz mit Erscheinungen und Aberwitzigkeiten, die hinter und unter den Hirn- und Herzschalen der Figuren spukten und dort ihr Recht von dem nur einfordern konnten, der fähig war, in unbändigem Gestaltungswillen und rasender Neugier sie beim Schopf zu packen, an ihnen sich abzuarbeiten, sie bis dorthin zu phantasieren und zu träumen, wo sie sich ihm mit Geisterhaut und -haar ganz ausliefern mussten.
Stadelmaier, Gerhard, Der Dompteur der Dämonen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 161 vom 15. Juli 2014, S. 11
Genets Sprache, die den Rassen unter die Haut fahren möchte, steigt im sprechverblasenen Gewölk sowohl den Schwarzen wie den Weißen wohl nur zu Kopf. So dass Weiß und Schwarz, die Genet in einen poetischen Kolonialkrieg schickt, der mit einem Metaphernsieg nach Schmock-Punkten für die Schwarzen endet (“Ab in die Hölle!”) irgendwann sich in einem undeutlichen Grau mischen, das die Farbe der höchstgestochenen Beliebigkeit ist, als deren Fadesse-Meister sich Genet auch hier erweist: der Konstrukteur, der seine Konstrukte erstickt.
Stadelmaier, Gerhard, Weiß plus Schwarz gleich Grau, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 129 vom 5. Juni 2014, S. 13.
Der gewesene Fürsorgezögling und Gelegenheitsdieb, der sich deshalb zum “verworfenen Dichter” berufen fühlte und seine Homosexualität in den Stand der liturgischen Gnade eines gossenweihrauchgeschwängerten Außenseitertum hinaufstilisierte, betete in seinen Romanen und Theaterstücken die Verhältnisse, die poetisch umzustürzen er sich aufblies, geradezu ekstatisch-masochistisch an.
Stadelmaier, Gerhard, Weiß plus Schwarz gleich Grau, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 129 vom 5. Juni 2014, S. 13.
Michael Maertens als Trigorin: der Schnösel-Brösel, aufgeschlagen in Hysterie-Schaum, der einer Nina schon mal eine runterhaut, wenn er ihr ewig die gleiche Textstelle wiederholen muss, wofür er sie dann wieder heftig abknutscht.
Stadelmaier, Gerhard, Wie man ein Theater ausstopft, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 126 vom 2. Juni 2014, S. 12.
Und weil alle so tierisch verrückt sind und sich in rassend bellendem, sich unaufhörlich erbrechendem Sprachbrocken-Würgen üben, geht diese gagaistische Bagage auch niemanden etwas an.
Stadelmaier, Gerhard, Nora oder ein Deppenheim, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 109 vom 12. Mai 2014, S. 11.
Viktor Tremmel verleiht dem Erpresser Krogstad die Brüll- und Krampf-Kaspereien eines über jedwede Schrillheitskanten abkippenden Geisteskranken, der auf seinen überspannten Nerven mit einer scharfen Rasierklinge herumzufiedeln scheint.
Stadelmaier, Gerhard, Nora oder ein Deppenheim, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 109 vom 12. Mai 2014, S. 11.
Alle durchnässt, als hätten sie draußen vor der großen, hohen, schmalen Gruft-Tür im Hintergrund die zu heiße Klapsmühlendusche durchlaufen (nach einer Elektroschock-Behandlung?).
Stadelmaier, Gerhard, Nora oder ein Deppenheim, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 109 vom 12. Mai 2014, S. 11.
Das Tribunal wird zum Literaturrätsel, das sich als Menschheitsentblößungsrätsel enthüllt.
Stadelmaier, Gerhard, Interviews führt immer der Teufel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 231 vom 4. Oktober 2012, S. 27.
Es ist der stillste, schönste, reinste Moment in einer tollen, dreistwitzigen Aufführung.
Stadelmaier, Gerhard, Interviews führt immer der Teufel, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 231 vom 4. Oktober 2012, S. 27.